19.03.2026
Wissenschaftliche Situationsanalyse zur niedersorbischen Sprache: Befunde und Potenziale für die Revitalisierung
Im Rahmen des Projektes „Masterplan für die niedersorbische Sprache“ (SROKA) haben Mitarbeiter:innen des Sorbischen Instituts eine umfassende wissenschaftliche Situationsanalyse zur ethnolinguistischen Vitalität des Niedersorbischen veröffentlicht. Die Studie zeigt: Das Niedersorbische trägt Zeichen einer Wiederbelebung – und bedarf einer koordinierten Sprachplanungsstrategie.
Das Niedersorbische befindet sich gegenwärtig in einer ‚postvernakulären‘ Phase. Sie hat die Funktion einer ursprünglich lokalen Volkssprache (Vernakularsprache) verloren, d. h., sie wird nicht mehr vorrangig durch traditionelle Sprecher:innen, sondern durch eine Lern- und Neusprechenden-Gemeinschaft getragen. Zu diesem Ergebnis kommen Julija Běrinkowa, Lutz Laschewski und Sophie Rädel in ihrem Beitrag „Ich spüre so einen Aufschwung gegenüber der Sprache“ – Die Situation der niedersorbischen Sprache und Potenziale ihrer Revitalisierung, der in der Zeitschrift Sprachpolitik & Sprachenpolitik erschienen ist (Jg. 1, Nr. 1, 2026, S. 103–145).
Die Studie liefert die wissenschaftliche Grundlage für den seit Sommer 2025 laufenden Dialogprozess (SROKA), in dem gemeinsam mit sorbischen/wendischen und staatlichen Institutionen, Interessenvertretungen und der Zivilgesellschaft eine Sprachplanungsstrategie für das Niedersorbische erarbeitet wird. Die Analyse erfasst die ethnolinguistische Vitalität anhand von Literatur, Dokumenten, statistischen Daten und 34 qualitativen Interviews mit sprachpolitischen Akteur:innen. Diese Methodenkombination erfasst objektive und subjektive Wahrnehmungen und zeigt so Aspekte auf, die standardisierte Befragungen allein nicht erfassen. Der Text bietet eine erste solide Grundlage für sprachpolitische Diskussionen und Entscheidungen. Ein detaillierterer Bericht folgt.
Der Beitrag zeigt trotz Herausforderungen positive Entwicklungen: Die Einstellung zum Niedersorbischen hat sich verbessert, und es gibt wieder mehr junge Sprecher:innen. Projekte wie „Zorja“ fördern den Spracherwerb bei Erwachsenen. Allerdings fehlen qualifizierte Lehrkräfte, Sprachräume und eine koordinierende Institution für die Sprachplanung.
Eine nachhaltige niedersorbische Sprachenpolitik darf nicht nur die individuelle Sprachaneignung, sondern muss auch die kollektive Sprachpraxis fördern. Dafür braucht es eine koordinierende, institutionenübergreifende Sprachenplanung, die zivilgesellschaftliche und staatliche Akteur:innen einbezieht. SROKA soll die Grundlage dafür bilden.
Der Beitrag ist im Open Access frei abrufbar: https://doi.org/10.14618/spr_1_2026_ber
